24 Post­mi­gran­tisch

ein beitrag von

  • Erol Yildiz

Hier werden Ideen vorgestellt, die dazu anleiten, die Dinge von ihrer Schattenseite her zu betrachten, um gewohnte Vorstellungen von Migration zu überdenken und irritierende Fragen zu stellen. Postmigrantisches Denken bedeutet eine kritische Auseinandersetzung mit hegemonialer Wissensproduktion, eine Revision dessen, was erzählt und was weggelassen wurde. Nur wenn eingeübte hegemoniale Denkmuster überwunden werden, kann das gesamte Feld, in das der Migrationsdiskurs eingebettet ist, neu gedacht werden. Die Idee des Postmigrantischen ist visionär, weil sie an der Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse festhält, weil sie die Stimme der Migration präsentiert, marginalisierte Geschichten und Wissensformen sichtbar macht. Diese Perspektive lenkt den Blick auf das Verdrängte, das Ausgesparte, erweitert das Blickfeld, setzt neue Akzente und eröffnet neue Wahrnehmungshorizonte.

Einlei­tung

Der Ausgangspunkt der postmigrantischen Idee ist, dass Migrations- und Mobilitätsbewegungen alle Gesellschaften von Anfang an geprägt haben und immer noch prägen, auch wenn dies im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert ist. Gesellschaftsgeschichten sind immer auch Migrationsgeschichten. Selbst in ‚alteingesessenen‘ Familien finden wir bei genauer Betrachtung einen sogenannten ‚Migrationshintergrund‘. So betrachtet gehören Mobilitätserfahrungen zur Familiengeschichte der allermeisten Menschen.

Wenn man auf den Umgang mit Migration im deutschsprachigen Raum in den letzten 70 Jahren zurückblickt, wird jedoch deutlich, dass diese Perspektive in den jeweiligen nationalen Erzählungen nicht vorgesehen und mit dem nationalen Denken nicht kompatibel zu sein scheint. Obwohl heute von der zweiten, dritten, ja sogar vierten Generation von Migrierenden die Rede ist, wird in der konventionellen Migrationsforschung weiterhin zwischen Migrant:innen und Einheimischen eine wertende Unterscheidung vorgenommen. Dieses Differenzdenken hat eine Normalität erzeugt, die in vielen wissenschaftlichen Studien und öffentlichen Debatten bis heute nachwirkt. Dazu gehören auch das Denken und Forschen in ethnischen und nationalen Kategorien, das zur Etablierung eines nach Herkünften sortierenden ‚Migrantismus‘ geführt hat. Solche kategorialen Klassifizierungen sind also nicht neutral, sondern tradieren gewisse Bedeutungen, prägen gesellschaftliche Auseinandersetzungen, reproduzieren und legitimieren Normalitäten und gelten dementsprechend als „wirkmächtige Erkenntnisinstrumente“ (Bettini 2018: 25).

Diese durch den postkolonialen Diskurs inspirierte Kritik am Migrantismus hat in den letzten Jahren zunehmend an wissenschaftlicher wie gesellschaftlicher Relevanz gewonnen. Sie setzt sich mit ethnisch-nationalen Sortierungen auseinander, die auf eingeübten Klassifikationen und Dualismen beruhen, hinterfragt historisch tradierte Gewissheiten und Kontinuitäten und richtet den Fokus auf marginalisierte Perspektiven und Diskontinuitäten, die mehr Denk- und Deutungsalternativen ermöglichen. Der Begriff des ‚Postmigrantische‘ wird in den letzten Jahren in unterschiedlichen Kontexten diskutiert und umfasst eine Reihe von Ideen, Perspektiven und Visionen in unserer in hohem Maße diversen Gesellschaft.

Im Folgenden beschreibe ich zunächst die Genealogie des Postmigrantischen und gehe anschließend auf drei Perspektiven ein, die mir in diesem Kontext besonders relevant erscheinen: Eine betrifft die historische Entwicklung (Neuerzählung der Migrationsgeschichte), eine zweite die gegenwärtige Situation (postmigrantische Generation) und die dritte eine auf die Zukunft ausgerichtete Sicht auf Migration und Vielheit (Migrationsforschung als Gesellschaftsanalyse).

Zur Gene­a­lo­gie des (Begriffs des) Post­mi­gran­ti­schen

Bei postmigrantischen Ideen handelt es sich um eine offene Denkhaltung, die verbunden wird mit einer ‚kontrapunktischen Lektüre‘, wie sie der Literaturwissenschaftler Edward Said (1994) in seiner Forschung praktizierte. In seinen Studien zeigt er, wie sich bestimmte historische Kontinuitäten formieren, wie bestimmte Wissensformen privilegiert werden und wie auf diese Weise andere Geschichten und Erfahrungen kaum wahrgenommen werden und unsichtbar bleiben. Kontrapunktischen Lektüre oder Gegenlesen bedeutet in diesem Kontext, das Ausgelassene, das Unterdrückte, das Verschwiegene in den Blick zu nehmen.

Das Postmigrantische verweist somit auf einen Bruch mit der hegemonialen Deutung von Migration, Kultur und Gesellschaft; es ermöglicht uns, historische Entwicklungen und gesellschaftliche Verhältnisse anders zu denken und eine andere Genealogie der Gegenwart zu entwerfen. Dahinter steht zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen Wissensproduktion, eine Revision dessen, was bisher erzählt und was ignoriert bzw. ausgelassen wurde, eine Art erkenntnistheoretische Verschiebung. Darüber hinaus ist das Postmigrantische eine politische Kategorie, ein Kampfbegriff gegen eine ‚Migrantisierung‘ und Marginalisierung von Menschen, die sich als Teil der Gesellschaft sehen.

Die Idee des Postmigrantischen wurde in den vergangenen 20 Jahren und vor allem im deutschsprachigen Raum entwickelt; in letzter Zeit wird sie auch im internationalen Kontext rezipiert (exemplarisch: Foroutan 2019; Schramm/Moslund/Ring Petersen 2019; Hill/Yildiz 2018; Foroutan/Karakayali/Spielhaus 2018).

Der Begriff des Postmigrantischen wurde erstmals in einer wissenschaftlichen Arbeit von Gerd Baumann und Thijl Sunier im Jahr 1995 verwendet. Die Autoren wollten damit die dynamische, bewegte und nicht-essentielle Seite von Kultur und Identität betonen. In einem weiteren Aufsatz von 1998 gebrauchte Baumann den Begriff Postmigration erneut und bezog sich dabei auf spezifische (kulturelle) Praktiken von Jugendlichen in einem Londoner Vorort, insbesondere auf Prozesse der Selbstethnisierung und Selbstkulturalisierung, die sie in Auseinandersetzung mit hegemonialen Zugehörigkeitsordnungen entwickelt hatten. Die Entstehung und Affirmation einer ‚asiatischen‘ Identität und kulturellen Gemeinschaft sieht er dementsprechend als Antwort auf die Klassifizierung durch Andere (vgl. Baumann 1998: 305-311). In den frühen 2000er Jahren wurde die postmigrantische Perspektive analog zum Postkolonialismus diskutiert. Inspiriert vom postkolonialen Diskurs kam es im deutschsprachigen Raum zu einer Auseinandersetzung mit dem etablierten Migrantismus. Daraus gingen neue theoretische Perspektiven hervor, die nun, in Anlehnung an die Begrifflichkeit des Postkolonialismus, als ‚postmigrantisch‘ bezeichnet wurden (vgl. Yildiz 2005: 327-352). Später wurde die Bezeichnung von Shermin Langhoff, der Begründerin des postmigrantischen Theaters in Berlin, popularisiert. Im Jahr 2010 habe ich den Begriff des Postmigrantischen in einem sozialwissenschaftlichen Beitrag in Bezug auf die Lebensentwürfe und Subjektivierungsweisen von Vertreter:innen der Nachfolgegenerationen verwendet (vgl. Yildiz 2010). Seitdem finden sich postmigrantische Ideen in nahezu allen wissenschaftlichen, künstlerischen und politischen Bereichen, sowohl im deutschsprachigen Raum als auch im internationalen Kontext.

Ein Blick auf den akademischen Diskurs zeigt, dass unterschiedliche Aspekte diskutiert werden, die sich auf das Thema Migration beziehen, die jedoch alle in eine bestimmte Richtung weisen: in jene einer widerständigen Wissensproduktion. Da mir einige Ideen im Postkolonialismusdiskurs, der in den 1990er Jahren entwickelt wurde, für den (Post-)Migrationsdiskurs relevant erscheinen, möchte ich sie im Folgenden aufgreifen und in die aktuelle Diskussion über (Post-)Migrationsgesellschaften einbringen. Auch wenn diese Analogie zunächst irritierend wirkt und von einigen Autor:innen kritisiert wird (vgl. Mecheril 2014), lassen sich meines Erachtens auf den zweiten Blick Parallelen erkennen.

Postkolonialismus kann als eine Reaktion auf koloniale Machtverhältnisse, auf eine bestimmte Art, Geschichten zu erzählen und historische Kontinuitäten zu denken, beschrieben werden. Postkoloniale Forschung macht darauf aufmerksam, dass in der Ideologie des Kolonialismus all jene Erfahrungen und Wissensweisen ausgeschlossen wurden, die nicht in das entsprechende Geschichtsbild passten. „Gesellschaften, die den Stilen und Anforderungen des europäischen Lebens nicht entsprechen, gelten im Entwicklungsprozess des ‚modernen Zeitbewusstseins‘ als ‚zurückgeblieben‘“, so der Literaturwissenschaftler Walter D. Mignolo (2012: 121). Er spricht in diesem Kontext von einer „eurozentrierten Geographie der Erkenntnis“ (ebd.: 161). Das Hauptziel des Postkolonialismusdiskurses war es, solche historisch geprägten westlichen Denkweisen und Wissenspraktiken kritisch zu hinterfragen und alternative Ideen aufzuzeigen. Postkolonialismus kann daher als eine Form des Widerstands gegen koloniale Hegemonien und deren Folgen interpretiert werden, die mit den großen Erzählungen der westlichen/kolonialen Moderne bricht (vgl. Castro Varela/Dhawan 2015).

Anstatt weiterhin die duale Denkweise, in der der Westen vom Nicht-Westen getrennt erscheint, zu reproduzieren, konzentriert sich die postkoloniale Perspektive auf die miteinander verwobenen und verflochtenen Geschichten von Kolonisator:innen und Kolonisierten und thematisiert die Folgen des imperialen Systems in der globalisierten Welt. Ein zentraler Punkt innerhalb des Diskurses des Postkolonialismus, der für das postmigrantische Denken relevant ist, besteht im Fokus darauf, wie die Kolonisierten auf die Kolonisator:innen reagierten, welche religiösen Orientierungen, Sprachpraktiken und Wissensformen sie sich auf spezifische Weise aneigneten und welche hybriden Lebensweisen, welche kulturellen und sozialen Räume in diesem Zusammenhang entstanden.

Der Soziologe und Mitbegründer der Cultural Studies Stuart Hall hat in seinem berühmten Aufsatz „Wann war ‚der Postkolonialismus‘?“ (1997) zu Recht darauf hingewiesen, dass sich der Diskurs des Postkolonialismus jedoch nicht nur auf die postkoloniale Periode bezieht, sondern sowohl in zeitlicher als auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht darüber hinausgeht. Für Hall ist die Spannung zwischen dem Erkenntnistheoretischen und dem Zeitlichen nicht disruptiv, sondern produktiv (vgl. 1997: 238). Übertragen auf die Perspektive des Postmigrantischen geht es darum, eine andere Genealogie der Migration als die, welche die Perspektive der Dominanzgesellschaft widerspiegelt, zu skizzieren und den Gesamtzusammenhang, in den der Diskurs der Migration mündet, neu zu denken.

Migra­ti­ons­ge­schich­ten neu erzäh­len

Die Haltung des konventionellen Migrantismus kann man sehr genau am Umgang nicht zuletzt der Wissenschaft mit der ersten Migrationsgeneration erkennen. Migrationsforschung war von Anfang an eine Ausländer- und Fremdheitsforschung, aber in seltenen Fällen Mobilitäts- oder Transkulturalitätsforschung. Eigentlich waren gerade die Angehörigen der sogenannten ersten Generation Pionier:innen der Transnationalisierung, mussten sie doch unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen ihr Leben und ihre Mobilität organisieren. Die Migrationsgeschichte wurde aber nicht auf diese Weise erzählt. Stattdessen ging es immer um die Vorstellung, wie man die eingewanderten Menschen durch bestimmte Integrationsmaßnahmen dazu motivieren könnte, sich an die hiesige Gesellschaft anzupassen. Ihre Perspektiven, ihre Mobilitätserfahrungen wurden kaum zur Kenntnis genommen, wenn überhaupt, dann als desintegrativ eingestuft und abgewertet. Solche Migrationserfahrungen und Mobilitätsgeschichten werden jetzt von den Nachfolgegenerationen gezielt sichtbar gemacht, rekonstruiert, in unterschiedlichen Kontexten genutzt, neu erzählt und mit neuen Visionen verknüpft.

Zugewanderte Menschen bringen Mobilitätserfahrungen mit und haben deshalb oft einen kulturellen und Wissensvorsprung, weil sie gelernt haben, mit Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen umzugehen. Im Laufe der Zeit entwickelten die eingewanderten Familien transnationale Verbindungen und Strategien, erwarben transkulturelle Kompetenzen und akkumulierten ein Mobilitätswissen, das sie situativ für ihre gesellschaftlichen Verortungsprozesse nutzen konnten.

Angesichts ihrer prekären Lebensverhältnisse und der öffentlichen Abwertung ihrer Lebensweise blieb der sogenannten Gastarbeiter:innengeneration nichts anderes übrig, als sich über die lokalen Kontexte hinaus zu orientieren. Wie in den alten Filmen und auf Fotos jener Zeit zu sehen ist, verwandelten sich die Bahnhöfe, auf denen man sich in den 1960er Jahren mit der Hoffnung traf, Neueingewanderte aus den eigenen Herkunftsgebieten zu treffen und Neuigkeiten über Familie und Nachbarschaft auszutauschen, in Knotenpunkte transnationaler Bezüge. Dort fanden Begegnungen statt, entstanden neue Verbindungen und Kommunikationsräume.

Die Angehörigen der ersten Generation versuchten, so gut es ihnen unter diesen schwierigen Lebensbedingungen und angesichts des technischen Stands der damaligen Fernkommunikation möglich war, die Verbindung zu ihren Herkunftsorten aufrechtzuerhalten. Vor diesem Hintergrund entstanden neue Formen der Mobilität und neue Infrastrukturen und informelle Netzwerke, die den Nachzug weiterer Personen möglich machten. Durch diese grenzüberschreitenden Netzwerke wurden Transnationalisierungsprozesse in Gang gesetzt und gewissermaßen eine Transnationalisierung von unten vorangetrieben (vgl. Yildiz 2013).

Gene­ra­tion post­mi­gran­tisch

Aus der postmigrantischen Perspektive werden die (Ur-)Enkel:innen der sogenannten Gastarbeiter:innen als postmigrantische Generation bezeichnet (vgl. Yildiz 2010). In diesem Kontext, in dem der Begriff als eine politische Kategorie verwendet wird, sind damit Menschen gemeint, deren Eltern oder Großeltern nach Deutschland oder Österreich eingewandert sind, die aber selbst hier aufgewachsen sind und mit diskriminierenden Erfahrungen konfrontiert werden. Sie setzen sich mit der Gesellschaft, in der sie Diskriminierung und Ausgrenzung erfahren, auseinander und versuchen in dieser Auseinandersetzung, sich zu positionieren und selbstbestimmte Biografien zu entwerfen. Dazwischensein prägt die Lebenserfahrungen dieser Menschen und eröffnet ihnen neue und kreative Denkhorizonte. Gerade dieses Dazwischensein als Erfahrung ist das, was die Angehörigen der postmigrantischen Generation verbindet und unter ihnen eine gewisse solidarische Haltung erzeugt (vgl. Yildiz 2020), wie die folgende Passage aus einem Artikel der Wiener Autorin und Journalistin Vina Yun, die der postmigrantischen Generation angehört, prägnant zeigt:

„Wir lassen uns nicht mehr von euch definieren, sondern definieren uns selbst. Doch dieses ‚Wir‘ ist nicht einheitlich, sondern basiert auf einer Allianz, die real wird durch kollektive Aktionen, indem wir bestimmte Haltungen und Praktiken ersinnen […]. Uns eint nicht das Schicksal, sondern der gemeinsame Bezug auf eine migrantische Erfahrung und ein marginalisiertes Wissen.“ (Vina Yun 2019: 7)

Yun und andere Vertreter:innen der postmigrantische Generation nehmen keine Rücksicht auf nationale Erzählungen, sondern versuchen, andere Geschichten zu erzählen, andere Fragen zu stellen und andere Biografien zu entwerfen. Das Erfahrungswissen, was bisher ignoriert und marginalisiert wurde, wird zum Ausgangspunkt genommen und zum Teil privilegiert. Die Angehörigen der postmigrantische Generation, die weiterhin mit negativen Zuschreibungen konfrontiert werden, scheinen eher als die erste Generation in der Lage zu sein, mit uneindeutigen, mehrdeutigen und ambivalenten Lebenswirklichkeiten umzugehen. Dazwischensein gehört zur Normalität und zu den Lebensentwürfen dieser Generation, eine Art kreativer Desorientierung, wie das folgende Zitat des Rappers Dynamite, der mit seiner Familie vor dem Jugoslawienkrieg nach Österreich flüchtete, zum Ausdruck bringt:

„Mittlerweile fühle ich mich schon angekommen, weil ich gemerkt habe, dass dieses Dazwischen das ist, was mich ausmacht. Das ist mein Leben. Ich muss nicht probieren, wie meine Eltern zu leben. Oder wie andere Leute, die hier leben. Ich lebe mit beiden Seiten, die mich beeinflussen. Das ist in Ordnung. Man muss sich nicht biegen und brechen, damit man irgendwo dazu passt.“*

Eine weitere Vorgehensweise ist es, die von außen zugeschriebenen negativen Eigenschaften zu übernehmen, zu transkodieren und positiv zu besetzen wie das Bündnis Kanak Attak oder das Weblog Migrantenstadl. Das Subversive besteht darin, hegemoniale Begriffe zu übernehmen und positiv umzudeuten. Solche Selbstbenennungen wirken oft irritierend, weil sie von außen nicht ganz verstanden werden. Die damit einhergehende Positionierung ist Teil eines Kampfes gegen die Migrantisierung und Fremdverortung von Menschen, die dazugehören. Mit dieser Neupositionierung fordert die postmigrantische Generation ein Recht auf Selbstbestimmung. Es ist für sie nicht nachvollziehbar, warum die Fähigkeit, zwischen oder in unterschiedlichen Welten denken und handeln und daraus neue Lebensentwürfe kreieren zu können, nicht anerkannt wird.

Der beschriebene Umgang mit negativen Bezeichnungen ist eine besondere Fähigkeit, eine politische Artikulation, die diese Generation kennzeichnet. Solche Selbstverortungspraktiken können als ein Versuch gelesen werden, negative Zuschreibungen zu dekonstruieren und eigene Deutungen entgegenzusetzen. Mit anderen Worten: Die postmigrantischen Protagonist:innen verstärken das Bild einer hybriden, superdiversen Gesellschaft, in der sich nichts mehr eindeutig zuordnen lässt, und machen unterschiedliche Beziehungsgeflechte sichtbar. Ethnische Herkünfte oder Traditionen werden allenfalls ironisch behandelt und/oder subversiv überhöht. Die eingesetzten Stereotype werden nicht abwertend verstanden, sondern bewusst überzeichnet, sodass ihr Konstruktionscharakter sichtbar wird. Kategorien wie „Gastarbeiterin“ oder „Ausländer“, aber auch die der zweiten und dritten Generation werden als Konstruktionen entlarvt und die damit verbundenen Klischees immer wieder gebrochen. Wie María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan (2015: 236) treffend angemerkt haben, haben solche Hybridisierungsprozesse zur Folge, dass vielheitliche Differenzen kaum noch identifizierbar erscheinen und daher nicht vereinnahmt werden können.

Migra­tion als Perspek­tive und Migra­ti­ons­for­schung als Gesell­schafts­ana­lyse

Migration als Perspektive zu betrachten, bedeutet, sich von einem Menschen nach Herkunft sortierenden Migrantismus zu verabschieden und stattdessen die globalisierten Gesellschaften in den Blick zu nehmen, die ohne Migration kaum denkbar sind. Die Idee des Postmigrantischen bedeutet in diesem Zusammenhang, die konventionelle Migrationsforschung aus ihrer bisherigen Sonderrolle zu befreien und sie als Gesellschaftsanalyse zu etablieren. Regina Römhild (2015) spricht von einer ‚postmigrantischen Migrationsforschung‘ und plädiert für eine Forschungsrichtung, in der Migration als Perspektive und nicht als Objekt zu verstehen ist. Demnach verschiebt sich Migration von der Peripherie ins Zentrum und wird als konstitutiv für alle europäische Gesellschaften gesehen: „Was fehlt, ist nicht noch mehr Forschung über Migration, sondern eine von ihr ausgehende reflexive Perspektive, mit der sich neue Einsichten in die umkämpften Schauplätze ‚Gesellschaft‘ und ‚Kultur‘ gewinnen lassen.“ (Römhild 2014: 263)

Das Postmigrantische fungiert somit als Analysekategorie für soziale Situationen der Mobilität und Vielheit; sie macht Brüche, Mehrdeutigkeit und marginalisierte Erinnerungen sichtbar, die nicht am Rande der Gesellschaft zu verorten sind, sondern Ausdruck der zentralen gesellschaftlichen Verhältnisse sind. Durch ihre irritierende Wirkung schafft diese Blickverschiebung auch eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Das Postmigrantische versteht sich dann als Kampfbegriff gegen ‚Migrantisierung‘ und Ausgrenzung von Menschen, die sich selbst als integralen Bestandteil der Gesellschaft verstehen, gegen einen öffentlichen Diskurs, der Migrationsgeschichten weiterhin als spezifische historische Ausnahmen behandelt und in dem zwischen einheimischer Normalität und migrantischen Konflikten unterschieden wird. Für ein gesellschaftliches Zusammenleben ist es also nicht besonders produktiv und zukunftsweisend, zwischen Migrant:innen und Nicht-Migrant:innen zu unterschieden. Damit werden künstliche Gruppen geschaffen, die sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit so nicht finden, und zwar dies umso mehr, als wir in einer Gesellschaft leben, die schon immer durch Mobilität und Vielheit geprägt war.

Jüngst haben Wolfgang Meixner und ich den Begriff mehrheimisch vorgeschlagen, um von der etablierten binären Denkweise ‚wir‘ und ‚die Anderen‘, ‚Migrant:innen‘ und ‚Einheimische‘ wegzukommen und die bisher getrennt betrachteten Phänomene zusammenzudenken (vgl. Yildiz/Meixner 2021). Gerade dieses Differenzdenken von ‚wir‘ und ‚die‘ hat im Laufe der Zeit eine Normalität erzeugt, welche die gesellschaftlichen Wahrnehmungen reguliert. Daher erscheint mir die Perspektive des Mehrheimischseins interessant, weil sie die eingespielte Denkart von ‚einheimisch‘ und ‚migrantisch‘ in Frage stellt und eine andere Normalität hervorbringt bzw. sichtbar macht. Die Idee dabei ist, dass wir alle mehrheimisch sind, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise und in unterschiedlicher Intensität, d.h., alle Menschen haben unterschiedliche biografische, geografische, soziale, kulturelle, familiäre Bezüge. Aus dieser Sicht erscheint das Individuum als ein Produkt dieses Beziehungsgeflechts. Mehrheimischsein ist eine realisierte Utopie und lenkt die Aufmerksamkeit auf ein alternatives Verständnis von Welt, Kultur, Raum, Ort und Mensch, eine Perspektive, aus der gesellschaftliche Phänomene und historische Entwicklungen nicht getrennt gedacht, sondern miteinander in Bezug gesetzt werden. Das steht im Gegensatz zum konventionellen Heimatbegriff, mit dem versucht wird, Mehrdeutigkeiten und hybride Lebenswelten eindeutig zu machen, also vermeintlich ‚in Ordnung‘ zu bringen.

Fazit: Utopien des Alltäg­li­chen

Resümierend kann festgehalten werden, dass alle Perspektiven, künstlerische, zivilgesellschaftliche und kulturelle Praktiken und Artikulationsformen, die mit dem Vorzeichen des Postmigrantischen diskutiert werden, neue Denkhorizonte eröffnen und Räume des Widerstands schaffen, die jene gesellschaftlichen Imaginationen untergraben oder zumindest destabilisieren, die der Legitimation hegemonialer Machtverhältnisse dienen. Konkret ist damit ein grundsätzlicher Perspektivwechsel verbunden: Der etablierte Migrantismus wird dabei ‘entmigrantisiert‘, während die historischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zugleich migrantisiert und Migrationserfahrungen normalisiert werden (vgl. Bojadzijev/Römhild 2014). Immer weniger Menschen verbringen ihr ganzes Leben an ein und demselben Ort, viele wechseln ihren Wohnsitz mehrfach, auch über Ländergrenzen hinweg. Geografische und kognitive Bewegungen gehen Hand in Hand. Selbst in ‚alteingesessenen‘ Familien finden sich bei näherer Betrachtung oft Mobilitätserfahrungen.

Weitergedacht bedeutet die postmigrantische Denkhaltung erstens, den historisch formierten Migrantismus kritisch zu hinterfragen sowie die etablierte Migrationsforschung aus ihrer Sonderrolle zu befreien und als kritische Gesellschaftsanalyse neu zu denken. Zweitens ist damit der Fokus auf die radikale Vielheit der Gesellschaft zu richten, um differenzierte Einsichten jenseits herkömmlicher ethnisch-nationaler Polarisierungen zu ermöglichen, ohne jedoch diskriminierende und rassistische Strukturen zu ignorieren. Drittens werden die postmigrantischen Artikulationsformen als Dissens und als ermächtigende Praxis betrachtet, die die Einnahme einer Subjektposition und damit eine Intervention in den dominanten Diskurs zulässt. Viertens sind die postmigrantischen Subjektivierungsformen als eine Handlungsmöglichkeit zu verstehen, um sich mit diskriminierenden und rassistischen Gesellschaftsstrukturen auseinanderzusetzen und sich in dieser dynamischen Auseinandersetzung zu positionieren. Subjekte sind in dieser Sichtweise nicht nur den bestehenden Verhältnissen unterworfen, sondern als Akteur:innen auch in der Lage, sich in machtvollen Räumen zurechtzufinden und dadurch Spielräume für widerständige und subversive Handlungen zu generieren. Aus diesem radikalen Perspektivwechsel ergeben sich neue Ideen für eine Gesellschaft, die von Utopien des Alltäglichen ausgehen und neue Erfahrungs- und Handlungsfelder schaffen, in denen wir miteinander über gesellschaftliche Visionen sprechen und gemeinsam über Zukunftsentwürfe nachdenken können.

Ausge­wählte Lite­ra­tur

Einführende Literatur

Castro Varela, María do Mar/Dhawan, Nikita (2015): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, 2., kompl. überarb. u. erw. Aufl., Bielefeld: transcript (zuerst 2005).

Foroutan, Naika (2019): Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie, Bielefeld: transcript.

Hall, Stuart (1997): „Wann war ‚der Postkolonialismus‘? Denken an der Grenze“, in: Elisabeth Bronfen/Benjamin Marius/Therese Steffen (Hg.), Hybride Kulturen. Beiträge zur angloamerikanischen Multikulturalismusdebatte, Tübingen: Stauffenburg, S. 219–246.

Hill, Marc/Yildiz, Erol (Hg.) (2018): Postmigrantische Visionen. Erfahrungen – Ideen – Reflexionen, Bielefeld: transcript.

Mignolo, Walter D. (2012): Epistemologischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität, Wien/Berlin: Turia + Kant.

Römhild, Regina (2015): „Jenseits ethnischer Grenzen. Für eine postmigrantische Kultur- und Gesellschaftsforschung“, in: Erol Yildiz/Marc Hill (Hg.), Nach der Migration. Postmigrantische Perspektiven jenseits der Parallelgesellschaft, Bielefeld: transcript, S. 37–48.

Yildiz, Erol (2010): Die Öffnung der Orte zur Welt und postmigrantische Lebensentwürfe, in: SWS-Rundschau 50, S. 318–339.

Yildiz, Erol/Meixner, Wolfgang (2021): Nach der Heimat. Neue Ideen für eine mehrheimische Gesellschaft, Stuttgart: Reclam.

Zitierte Literatur

Baumann, Gerd (1998): Ethnische Identität als duale diskursive Konstruktion. Dominante und demotische Identitätsdiskurse in einer multiethnischen Vorstadt von London, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hg.), Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität 3, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 288–313.

Baumann, Gerd/Sunier, Thijl (1995): Post-Migration Ethnicity, Amsterdam: Het Spinhuis Publishers.

Bettini, Maurizio (2018): Wurzeln: Die trügerischen Mythen der Identität, München: Kunstmann.

Bojadzijev, Manuela/Römhild, Regina (2014): „Was kommt nach dem ‚transnational turn‘? Perspektiven für eine kritische Migrationsforschung“, in: Berliner Blätter 65: Vom Rand ins Zentrum. Perspektiven einer kritischen Migrationsforschung, S. 10–24.

Foroutan, Naika/Karakayali, Julia/Spielhaus, Riem (Hg.) (2018): Postmigrantische Perspektiven. Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik, Frankfurt a.M./New York: Campus.

Mecheril, Paul (2014): „Was ist das X im Postmigrantischen?“, in: sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung 2, S. 107-112.

Römhild, Regina (2014): „Diversität?! Postethnische Perspektiven für eine reflexive Migrationsforschung“, in: Boris Nieswand/Heike Drotbohm (Hg.), Kultur, Gesellschaft, Migration. Die reflexive Wende in der Migrationsforschung, Wiesbaden: Springer, S. 255–270.

Önder, Tunay/Mustafa, Imad (2016): Migrantenstadl, Münster: Unrast.

Said, Edward (1994): Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Schramm, Moritz/Moslund, Sten Pultz/Ring Petersen, Anne (Hg.) (2019): Reframing. Migration, Diversity and the Arts. The Postmigrant Condition, London: Routledge.

Terkessidis, Mark (2017): Nach der Flucht. Neue Ideen für eine mehrheimische Gesellschaft, Stuttgart: Reclam.

Yildiz, Erol (2005): Kosmopolitane Moderne: Die Öffnung der Orte zur Welt, unveröff. Habil.-Schrift, Universität zu Köln, Köln.

Yildiz, Erol (2013): Die weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht, Bielefeld: transcript.

Yildiz, Erol (2015): „Postmigrantische Perspektiven. Aufbruch in eine neue Geschichtlichkeit“, in: Erol Yildiz/Marc Hill (Hg.), Nach der Migration. Postmigrantische Perspektiven jenseits der Parallelgesellschaft, Bielefeld: transcript, S. 19–36.

Yildiz, Erol (2020): „Solidarität in der postmigrantischen Gesellschaft“, in: Agora. Das philosophische Wirtschaftsmagazin 42, S. 61–65.

Yun, Vina (2020): „Die permanente Zumutung im Alltag – über ein neues Vokabular der Zugehörigkeit“, in: Magazin Schauspielhaus Wien 2019/20, Nr. 3, S. 7–8.

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