25 Soli­da­ri­tät

ein beitrag von

  • Heike Drotbohm

Der Begriff Solidarität wird im Alltag gerne bedenkenlos mit Migration und Flucht in Verbindung gebracht. Welche konkreten Beziehungen und Handlungsinhalte jedoch mit dem Begriff bezeichnet werden, ist nur schwach bestimmt. Der vorliegende Beitrag zeichnet daher zunächst die Begriffshistorie und daraus hervorgegangene widersprüchliche Bedeutungsdimensionen nach. Anschließend werden anhand von Beispielen des pro-migrantischen Aktivismus in Europa die Herausforderungen von Solidaritätsvarianten beleuchtet, die aus dem Impuls des Mitgefühls entstehen (‚Mitgefühlsolidarität‘). Daran wird deutlich, dass der Solidaritätsbegriff mitunter auf einer rein diskursiven Ebene oder als Form der Selbstbeschreibung eingesetzt wird, um gesellschaftliche Ideale zu formulieren. Gleichzeitig sind gerade im Migrations- und Fluchtkontext die konkreten, in den sozialen Nahraum eingelagerten solidarischen Praktiken von ökonomischen oder symbolischen Ungleichheiten zwischen den Gebenden und den Empfangenden von Unterstützungsleistungen gekennzeichnet. Obwohl eigentlich inkludierend gedacht, kann diese pro-migrantische Solidarität daher paternalistische und viktimisierende Dimensionen vor allem dann entfalten, wenn die soziale Distanz aufrechterhalten wird. In Konstellationen also, in denen keine neue Gemeinschaftsform angestrebt und die exkludierenden Dimensionen der eigenen Gesellschaft weder hinterfragt noch verändert werden, nützt der Solidaritätsbegriff letzten Endes der Aufrechterhaltung bestehender symbolischer Grenzen.

Einlei­tung

Solidarität – die Zusammengehörigkeit und wechselseitige Verpflichtung von Individuen und Gruppen – ist als Begriff zunächst positiv konnotiert. Vor allem in Zeiten radikaler politischer Umbrüche wie Kriegen, Katastrophen oder wirtschaftlicher Not wird er gerne als Appell benutzt, um sich für die Interessen von Minderheiten bzw. Schwächergestellten einzusetzen und ein gemeinschaftsbezogenes Engagement hervorzurufen. Dabei sind es nicht nur staatliche und internationale Organisationen, sondern auch zivilgesellschaftliche Akteur:innen, soziale Bewegungen und Individuen, die sich an der Mobilisierung von Solidarität beteiligen. Da die solidarische Haltung nicht einfach gegeben ist, sondern erst einmal hergestellt werden muss, ist noch häufiger von der Abwesenheit von Solidarität die Rede.

Gegenwärtig wird der Solidaritätsbegriff häufig unhinterfragt mit Migration und Flucht in Verbindung gebracht. Dafür kann es viele Anlässe und Formen geben. Als solidarisch gilt beispielsweise, wer eine Petition gegen die Abschiebung einer Kolleg:in unterschreibt, wer in der Schule Kleidung für Geflüchtete sammelt, wer am Info-Abend über eine humanitäre Notlage im Globalen Süden berichtet, an der Demo gegen Rechts teilnimmt, oder wer in den sozialen Medien mit einem einfachen ‚Click‘ spendet. Allerdings zeigen die Beispiele auch, dass die Frage, welche konkreten Beziehungs- und Handlungsinhalte den Begriff eigentlich konturieren, nur schwach bestimmt ist. Auch wissenschaftstheoretisch ist der Begriff nur vage definiert. Deshalb werden im Folgenden zunächst seine historische Herausbildung und verschiedene darin eingelagerte Bedeutungsdimensionen nachgezeichnet. Anschließend wird auf die besondere Variante der ‚Mitgefühlsolidarität‘ fokussiert, um auf die emotionalen Dimensionen und die politische Kraft der Mobilisierung einzugehen.

Bezogen auf Migration und Flucht wird anschließend deutlich, dass sich Solidarität von anderen Varianten der Sorge und Unterstützung (insbesondere der humanitären Hilfe) nicht immer leicht abgrenzen lässt. Anhand von Forschungen, die sich mit pro-migrantischer Solidarität während des sogenannten langen Sommers der Migration (Hess et al. 2017) befassen, werden abschließend die Chancen und Risiken von Solidaritätsvarianten beleuchtet, die in den sozialen Nahraum eingelagert sind. In diesen Begegnungskontexten zeigt sich mitunter die Reproduktion machtasymmetrischer und exklusiver Ordnungslogiken, obwohl das Ideal von Solidarität als politische Praxis eigentlich egalitär und inklusiv angelegt ist.

Ambi­va­lente Gefühle: Retten oder Revo­lu­tion

Der Begriff Solidarität erfuhr in seiner Bedeutungsgeschichte zahlreiche Wendungen, weshalb er bis heute nur vage definiert ist (Wildt 1998). Obwohl der Begriff im Alltag sehr gebräuchlich sei, wirke er als Fremdkörper in der begrifflichen Landschaft der Moderne und sein theoretischer Status bleibe ungeklärt, schreibt Kurt Bayertz (1998) im Vorwort seiner programmatischen Aufsatzsammlung „Solidarität. Begriff und Problem“. Etymologisch lässt sich Solidarität aus dem Schuldrecht ableiten. Obligatio in solidum beschreibt das Aufkommen der Gemeinschaft für die Schulden des Einzelnen und umgekehrt auch das Aufkommen des Einzelnen für die Schulden der gesamten Gruppe (Steiner 2009). Getreu dem Motto: Einer für alle, alle für einen! Solidarität wurde schon früh als eine Art gesellschaftliches Bindemittel angesehen, das auf gemeinsame Merkmale wie Herkunft, Geschichte, Kultur oder Lebensstil aber auch auf gemeinsame politische Ideale und Ziele rekurriert (Bayertz 1998: 23).

Ab der Französischen Revolution wandte sich das juridische Begriffsverständnis von einer zivilgesellschaftlichen Haftungsgenossenschaft zu einem moralisch-politischen Appell. Die Forderung nach Fraternité wurde Teil der Emanzipationsbewegungen des Dritten Standes und untermauerte das Bestreben, die politische Gleichheit aller rechtsunterworfenen Subjekte sicherzustellen (Brunkhorst 2002: 13). In Abgrenzung zu stärker gemeinwohlorientierten Nachbartermini wie Nächstenliebe, Wohltätigkeit oder Barmherzigkeit unterstrich der Begriff Solidarität nun die moralische Pflicht des politischen Zusammenhalts in der Auseinander-setzung mit feudalistischer Ausbeutung. Er rückte das Recht des Einzelnen in den Vordergrund. Mit der Arbeiterbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Solidarität dann zu einem politischen Kampfbegriff. Gefordert wurde der Zusammenschluss von Angehörigen einer ökonomischen Klasse, um gemeinsame politische Werte gegenüber der Oberschicht, den Unternehmer:innen und dem Staat durchzusetzen. Nicht nur Gewerkschaften und Streiks, sondern auch die Einführung von Unterstützungsvereinen und Sozialversicherungen sind als Zeichen der Verstetigung und Institutionalisierung von Solidarität in dieser Zeit zu deuten.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts etablierte sich die Variante der (Staats-)Bürgersolidarität. Damit ist ein staatlich verordnetes und gesteuertes Gemeinschaftsinteresse gemeint, das die Form eines weitgehend verrechtlichten und entpersonalisierten Systems wechselseitiger Rechte und Pflichten annimmt (Mau 2008). Der heutige Sozialstaat – verstanden als Mechanismus zur Lösung gesellschaftlicher Probleme, die im Zusammenhang mit der Realisierung eines Gemeinwohls auftreten (Tranow/Schnabel 2019) – ist Ausdruck dieser Solidaritätsvariante und trägt den eingangs genannten historischen Ursprung der wechselseitigen Haftungs-genossenschaft in sich. In diesen wohlfahrstaatlichen Diskussionen wird Solidarität als eine Haltung unter Beitragszahlenden innerhalb eines nationalstaatlichen oder territorialen Bezugsrahmens konzipiert. Das wiederum kann mit der Legitimation des Ausschlusses jener Personen einhergehen, die dieser politischen oder territorialen Einheit nicht angehören. Parallel zur Institutionalisierung von Solidarität entstanden zahlreiche zivilgesellschaftliche Formationen, die die mangelnde Kontinuität bzw. den Rückzug des Staates kommentieren und ihn als unmittelbare Solidaritätsvariante ersetzen (Muehlebach 2012).

Der Solidaritätsbegriff enthält also mindestens zwei unterschiedliche, im Grunde fast gegensätzliche Bedeutungsdimensionen: (1) Solidarität kann auf ein Ideal des Gemeinwohls abzielen, wenn Menschen sich für bestimmte Anliegen einsetzen, die zunächst nicht unmittelbar den Interessen eines jeden Gemeinschaftsmitglieds entsprechen, aber gleichzeitig als relevant für die Aufrechterhaltung der Gemeinschaft anerkannt werden. (2) Gleichzeitig transportiert Solidarität den politisch-emanzipatorischen Appell der Fürsprache, indem dazu aufgerufen wird, gegen bestehende Ungerechtigkeiten aufzubegehren und sich für die Interessen und die Rechtsansprüche von politisch Schwächergestellten einzusetzen. Solidarische Akte können also sowohl mit Bestandswahrung als auch mit Transformationen einhergehen. Chouliaraki unterscheidet dementsprechend zwischen einer „Solidarität des Rettens“ und einer „Solidarität der Revolution“ (Chouliaraki 2013: 10).

Mobi­li­sie­rung von Emoti­o­nen

Varianten der internationalen Solidarität, die aus zivilgesellschaftlichen Bottom-up-Bewegungen hervorgehen, sind eng mit der Idee des Gemeinguts verbunden. In seiner Auffächerung unterschiedlicher Solidaritätstypen bezeichnet Mau die Solidarität gegenüber ‚Fremden‘ als eine spezifische Form der ‚Mitgefühlsolidarität‘. Sie sei analytisch von der Solidarität gegenüber Angehörigen der eigenen Gemeinschaft zu unterscheiden (Mau 2008: 13). Durch sie werden Menschenrechtsverletzungen, existenzielle Armut oder andere Formen extremer sozialer Ungleichheit als Probleme anerkannt, obwohl sie gegebenenfalls in anderen Gesellschaften bzw. in der geografischen Ferne situiert sind. Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die andauernden Kolonialherrschaften in Afrika oder die Rodung der brasilianischen Regenwälder resultieren aus einem Unrechtsempfinden und bringen zivilgesellschaftliche Gruppen und soziale Bewegungen in entfernt gelegenen Weltregionen auf die Straße oder – im Fall der zivilen Seenotrettung – auf die Boote. Brunkhorst spricht in diesem Zusammenhang von den Herausforderungen einer normativ integrierten Weltgesellschaft (Brunkhorst 2002).

Da das politische Eintreten für die Interessen von benachteiligten Gruppen – sowohl innerhalb der eigenen als auch in anderen Gesellschaften – nicht selbstverständlich ist, müssen die affektiven Dimensionen der Solidarität in den Blick genommen werden, die Rückschlüsse auf ihre Reichweite erlauben (Karakayali 2017). Denn Solidarität ist nicht nur Appell und politische Praxis, sondern auch ein spezifisches Mitgefühl, dessen Mobilisierung es ermöglicht, die Anliegen Anderer zu den eigenen werden zu lassen. Das gelingt, indem emotionale Energien in die Gruppe hineinwirken und ihren Zusammenhalt nachhaltig stützen. Auch in Abgrenzung nach außen, beispielsweise gegenüber Handlungen oder gesellschaftlichen Gruppen, deren Ziele nicht geteilt werden, können Emotionen bedeutsam sein. Zu nennen ist hier beispielhaft das solidarische Eintreten für globale Klimagerechtigkeit, das über die Mobilisierung von Emotionen wie Hoffnung, Schuld und Angst stattfindet (Kleres/Wettergren 2017).

Um die Anlässe und die Reichweite von Solidarität zu verstehen, bedarf es Koos (2019) zufolge der kollektiven, empathisch geteilten Wahrnehmung eines schwerwiegenden sozialen Problems oder eines ereignishaften Schocks. Steigende Arbeitslosigkeit, Armut, die sozialen Folgen von Sparpolitiken oder das Erstarken rechtsgerichteter politischer Bewegungen können den gesellschaftlichen Zusammenhalt herausfordern, neue Bruchstellen aufdecken und dadurch neue Formen der Solidarisierung bewirken. Es sind damit nicht nur Kriege, Naturkatastrophen oder ökonomische Notlagen in der Ferne (Della Porta/Steinhilper 2020), sondern mitunter auch Krisen und institutionelle Versäumnisse in der eigenen Gesellschaft, die Empathie für ein geteiltes Anliegen und neue politische Haltungen hervorbringen können (Drotbohm 2021).

Soli­da­ri­tät als pro-migran­ti­scher Akti­vis­mus

Der lange Sommer der Migration (Hess et al. 2017) des Jahres 2015, auch als Flüchtlings-, Grenzregime- oder Migrationsverwaltungskrise bezeichnet (Schwiertz/Ratfisch 2016), wurde von zahlreichen Forscher:innen zum Anlass genommen, um über die Besonderheiten jener Solidaritätsvarianten zu reflektieren, die in spezifischen politischen Umbruchsmomenten neu entstehen und vor allem auf die Anliegen von Migrant:innen und Geflüchteten reagieren (Águstin/Jørgensen 2018, Bock/Macdonald 2019). Freilich waren Migrationsbewegungen, undokumentierte Grenzübertritte nach Europa und solidarische Haltungen (vor allem auf der Seite politisch links stehender Bevölkerungsteile) zu diesem Zeitpunkt nicht neu, die Intensität und Beharrlichkeit dieser Solidaritätsmobilisierung jedoch erreichten bis dato unbekannte Ausmaße. Sie wurden als Folge des syrischen Bürgerkriegs und der Umbrüche des Arabischen Frühlings gedeutet (Hess et al. 2017: 6). In diesen Monaten strebten viele Schutzsuchende über die Ägäis, die sogenannte Balkanroute oder das Mittelmeer nach Mitteleuropa. Die katastrophalen Zustände an den Außen- und Binnengrenzen der Schengen-Zone führten zu einem „humanitären Notstand“ (Lehmann 2015). Angela Merkel formulierte am 31. August 2015 im Rahmen einer Pressekonferenz ihr seitdem viel zitiertes „Wir schaffen das“. Es gilt heute als Solidaritätsaufruf – und war sowohl an die Mitgliedsländer der Europäischen Union als auch an die deutsche Bevölkerung gerichtet, deren Aufnahmewilligkeit mobilisiert werden sollte (Schlott 2020).

Um die Nuancen unterschiedlicher Formen von Solidarität in derartigen Umbruchsmomenten herauszuarbeiten, unterscheiden Schwiertz und Schwenken (2020) zwischen ex- und inklusiven Varianten. Exklusive Solidarität wird häufig von ‚oben‘, also von der staatlichen Ebene gefordert und kann supranationale Einheiten wie die Europäische Union einschließen. Solidarität bezieht sich hier auf eine Lastenteilung unter Mitgliedern, wobei Migrant:innen und Geflüchtete als ‚Last‘ deklariert werden. Praktiken der Grenzabschottung, die Aufnahme von Geflüchteten ebenso wie Pushbacks an den EU-Außengrenzen werden als solidarischer Akt unter den Mitgliedsstaaten markiert und legitimiert. Dieser Variante stellen die Autor:innen eine „transversal[e] und inklusiv[e]“ Solidarität gegenüber. Mittels öffentlich sichtbarer Aktionen streben die darin involvierten Akteur:innen danach, bestehende globale und soziale Ungleichheiten abzumildern (Schwiertz/Schwenken 2020). Im Sommer 2015 nahmen derartige transversale Praktiken der Solidarität eine große Bandbreite an und reichten von politischen Sensibilisierungsmaßnahmen, Demonstrationen, Mahnwachen und Petitionen, über Geld- und Sachspenden, bis hin zu neuen Begegnungsformen, die weit in den sozialen Nahraum hineinreichten.

Ob und in welcher Weise sich die Angehörigen der sogenannten Mehrheitsgesellschaft mit den Anliegen von Fluchtmigrant:innen solidarisieren, beleuchten Koos und Seibel (2019). Ein aufschlussreicher Faktor der Solidarisierung im Jahr 2015 sei gewesen, dass zahlreiche engagierte Personen ein dezidiert apolitisches Selbstverständnis deklarierten. Ihr Ziel war es, angesichts einer als akut empfundenen Notlage, die Abwesenheit des Staates in zentralen Funktionsbereichen zu kompensieren (Bochow 2015, Fleischmann/Steinhilper 2017, Tietje/Dinkelaker/Huke 2021). Andere Engagierte entwickelten angesichts der Folgen von Migrationskontrollen und Anfeindungen gegenüber Fluchtmigrant:innen erst zu diesem Zeitpunkt ein konkretes Bewusstsein für die Lebensumstände von Zugewanderten. Das ging mit dem Bedürfnis einher, diese Ungerechtigkeit mit solidarischem Handeln auszugleichen und zu mehr allgemeiner Gerechtigkeit beizutragen.

Nikolai Huke problematisiert eine Haltung, die er als das „Trennungsdispositiv“ des europäischen Migrationsregimes (Huke 2021: 137) bezeichnet. Darunter versteht er, dass Erfahrungen der Armut oder der Chancenlosigkeit normalerweise in den Raum jenseits der EU-Außengrenzen externalisiert werden, indem rigide Grenzkontrollen Fluchtmigrant:innen von der Einreise abhalten, wodurch die EU-Bevölkerung mit diesen globalen Problemlagen nicht konfrontiert wird. Im Sommer 2015, als die bis dahin externalisierten ‚Anderen‘ plötzlich vor Ort anwesend waren und als konkrete Menschen erfahrbar wurden, wurden sie plötzlich Teil des eigenen Nahbereichs. Der Wunsch, sich solidarisch zu zeigen, entstand also aufgrund der „Risse im Habitus der Externalisierung“ (Huke 2021). Diese Haltung bezog sich allerdings nicht nur auf die Betroffenen von bislang unbekannten Notlagen, sondern kann auch als Gegenbewegung gegenüber einer als zunehmend konservativ bzw. rechtspopulistisch oder ausländerfeindlich eingestellten Gesellschaft eingeordnet werden (Fleischmann 2020).

In ihrer Untersuchung von Anti-Abschiebe-Protesten und der Seebrücke-Bewegung für sichere Fluchtwege konzentrieren sich Schwenken und Schwiertz (2021) auf Formen solidarischen Handelns, die darauf abzielen, die Grenzen der Bürger:innenrechte aufzubrechen. Die Engagierten setzen sich in diesem Fall für Fluchtmigrant:innen ein, die abgeschoben werden sollen oder sich in besonderen Gefahrenlagen außerhalb des deutschen Territoriums befinden. In diesen Konstellationen treten die Ambivalenzen migrationsbezogener Solidarität besonders deutlich zutage. So wird auf Imaginationen rekurriert, die mit Solidarität nicht mehr viel gemein haben, wenn Fluchtmigrant:innen und Asylsuchende kaum oder gar nicht an den konkreten Solidarakten teilnehmen oder wenn sich strategische Narrative beispielsweise auf die besondere Bedürftigkeit oder ‚Leistungsfähigkeit‘ einzelner Individuen beziehen. Bedient werden dann vielmehr humanitaristische oder meritokratische Argumentationslogiken. Sie stehen in der Kritik, das zu fördernde Subjekt auf Eigenschaften wie seine Vulnerabilität oder Unterwerfungsbereitschaft zu reduzieren (Ticktin 2011). Obwohl sie transversal und inkludierend gedacht sind, können diese Haltungen und die damit einhergehenden Sorge-beziehungen daher durchaus auch exkludierende Dimensionen entfalten (Drotbohm 2021, Schwenken/Schwiertz 2021).

Fall­stri­cke im sozi­a­len Nahraum

Im Sommer 2015 ließ sich ebenfalls besonders gut beobachten, mit welchen konkreten Herausforderungen solidarisches Handeln konfrontiert ist, wenn es sich als unmittelbare, informelle und häufig ganz spontane Unterstützungsleistung in den unmittelbaren sozialen Nahraum verlagert. So solidarisierten sich zahllose deutsche bzw. europäische Staatsbürger:innen mit Fluchtmigrant:innen, weil sie die Ankunftssituation als chaotisch oder problematisch empfanden. Sie begrüßten die Geflüchteten persönlich an Bahnhöfen oder Grenzposten, boten ihnen Sprachunterricht oder privaten Wohnraum an, unterstützten sie bei Behördengängen, Arztbesuchen oder bei der Jobsuche, oder verbrachten schlicht ihre Freizeit mit ihnen (Schiffauer 2019, Bhimji 2020). Tietje, Dinkelaker und Huke (2021) machen darauf aufmerksam, dass Solidarität in diesen neu entstandenen Beziehungskonstellationen mitunter doch eigentlich eher Hilfsbereitschaft meinte.

Bald schon wurde deutlich, dass sich die Akteur:innen hinsichtlich ihrer politischen, rechtlichen, sozialen und kulturellen Selbstverortung deutlich voneinander unterschieden. Die Hilfeinitiativen gestalteten sich als Interaktionen zwischen Staatsbürger:innen mit Fluchtmigrant:innen. Die einen oft finanziell abgesicherte ältere Frauen aus der deutschen Mittelschicht, die anderen häufig asylsuchende, relativ junge Männer aus dem arabischen Raum (Braun 2017). Diese Beziehungen waren daher dezidiert asymmetrisch angelegt, was dem Egalitätsanspruch von Solidarität eigentlich entgegensteht. Mehrere Forschungen verweisen auf die mit diesen Asymmetrien einhergehenden ethischen und emotionalen Fallstricke (Drotbohm 2022), die zur Reproduktion eines humanitaristischen Binarismus und damit zu zahlreichen konfliktiven Dynamiken führen können. So mündet die Unterscheidung von ‚Helfenden‘ und ‚Hilfe-Empfangenden‘ beispielsweise in paternalistische oder viktimisierende Haltungen seitens der ‚Helfenden‘ oder in duldsame oder unterwürfige Kommunikationsweisen seitens der ‚Hilfe-Empfangenden‘ (Fleischmann 2020, Bhimji 2020, Tietje/Dinkelaker/Huke 2021).

Braun (2017) wendet in ihren Forschungen zu Freiwilligeninitiativen in Norddeutschland eine dekoloniale Perspektive an. Sie zeichnet die historischen Kontinuitäten des Selbstverständnisses bürgerlicher Frauen nach, die sich in Interaktionen mit Geflüchteten als moderne, aufgeklärte und aufklärende Subjekte empfinden und gegenüber den als ‚defizitär‘ empfundenen Zugewanderten ein emanzipatorisches Bildungsideal durchzusetzen suchen. In eine ähnliche Richtung geht der Beitrag von Stock (2019), die sich in Bielefeld mit „Flüchtlingspatenschaften“ befasste. Auch in diesen Konstellationen sehen es die Freiwilligen als ihre Aufgabe an, den Geflüchteten ‚deutsche Werte‘ zu vermitteln. Die auf diese Weise Belehrten fühlten sich unter Druck gesetzt, pünktlich, zuverlässig, selbstständig und dankbar zu sein. Teilweise stabilisierten sich diese Beziehungen und führten laut Stock (2019: 134) zu quasi-familiären Beziehungen. (Darin unterscheiden sie sich von Beziehungen, die in formalisierten oder bürokratisierten Hilfestrukturen möglich sind.) Gleichzeitig gestaltete sich die Herstellung von Egalität durchgängig als Herausforderung. In Momenten von Missverständnissen, der Zurückweisung von Hilfsangeboten oder des Wertekonflikts wird die zeitliche Begrenztheit von Solidarität offensichtlich, die bei Dissens auch entzogen werden kann (Braun 2017).

Der Solidaritätsbegriff wird vonseiten der Helfenden also eingesetzt, um sich von anderen Varianten der Unterstützung, die als unpolitisch gedacht werden, abzugrenzen. Solidarity, not Charity ist eine verbreitete Formel. Gleichzeitig wird jedoch die soziale Distanz aufrechterhalten. Weder werden die exkludierenden Dimensionen der eigenen Gesellschaft hinterfragt noch werden sie verändert. Es wird keine neue Art der Gemeinschaft angestrebt. Letzten Endes dient der Solidaritätsbegriff dann der Aufrechterhaltung bestehender symbolischer Grenzen.

Zu ähnlich relativierenden Einsichten gelangen Forschungen, die sich mit den moralischen Dimensionen eines zunehmend institutionalisierten und medial vermittelten solidarischen Engagements befassen, das zu einem zentralen Element der öffentlichen Selbstdarstellung des modernen Subjekts geworden ist. Während Malkki (2015) auf neue Varianten der Sinnsuche im globalen Norden eingeht, die mittels unterstützender Praktiken die Verbindung zu exkludierten Daseinsformen ermöglichen (z.B. in Form von Aufklärungs- und Spendenkampagnen), bezeichnet Chouliaraki (2013) diese Varianten der Solidarität, die ihrer Ansicht nach primär einen moralisch anerkannten Lifestyle zur Schau stellen sollen, als „feel-good altruism“. Hauptadressat:in ist in beiden Fällen nicht das (bedürftige) Gegenüber, sondern das eigene Selbstverständnis und der erweiterte Zuschauer:innenkreis der eigenen Bezugsgruppe.

Schluss­be­trach­tung

Vergleichbar mit anderen positiv konnotierten Begriffen wie Care oder Rückkehr, die ebenfalls gerne mit Migration und Flucht in Verbindung gebracht werden, gehen die Karriere des Solidaritätsbegriffs und seine semantische Offenheit mit einer normativen Verschleierung einher. Die Begriffshistorie macht deutlich, dass es sich bei Solidarität um ein prekäres, gemeinschaftskonstituierendes Gut handelt, um das gerungen werden muss. Im Zuge dieser Aushandlung werden Fragen der Mitgliedschaft und Zugehörigkeit oder eines alternativen Gesellschaftsideals neu bestimmt.

Die hier aufgeführten Untersuchungen zu pro-migrantischer Solidarität machen deutlich, dass Solidarität mitunter nur schwer von Parallelbegriffen wie Sorge, Barmherzigkeit, Unterstützung, Wohltätigkeit oder Hilfe zu trennen ist. Anhand der skizzierten Interaktionen zwischen helfenden Aktivist:innen und Fluchtmigrant:innen wurde erkennbar, dass der Solidaritätsbegriff mitunter auf einer rein diskursiven Ebene oder als Selbstbeschreibungskategorie eingesetzt wird, um gesellschaftliche Werte zu formulieren und zu festigen. Gleichzeitig sind die entstehenden sozialen Beziehungen in der Regel stark von ökonomischen und symbolischen Ungleichheiten geprägt, die dem Ideal der Solidarität kaum standhalten können. Darüber hinaus gibt es Konstellationen, in denen Solidarität weniger mit der eigentlichen Haltung und der daraus hervorgehenden Handlung zu tun hat, sondern eng an die eigene Selbstwahrnehmung gekoppelt ist.

Obwohl die Überwindung von Gruppengrenzen eigentlich ein zentrales Anliegen von Solidarität darstellt, kann es in derartigen Konstellationen zu paternalistischen oder viktimisierenden Haltungen und damit zu machtasymmetrischen Interaktionsformen kommen. Im Grunde bezieht sich dann dieser umstrittene Solidaritätsbegriff auf den Zusammenhalt innerhalb der eigenen Gesellschaft und auf die Gestaltung von als sinnhaft anzuerkennenden Beziehungen, beispielsweise mit anderen Helfenden oder Aktivist:innen.

Ausge­wählte Lite­ra­tur

Einführende Literatur

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Zitierte Literatur

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